PRESSE

Gute Karten, schlechte Karten

Andrea Bierle in HÖRZU 1998

Das Herz rast. Nicht nur wegen der 127 Treppenstufen hinauf in den vierten Stock. Vielmehr treibt mir der Gedanke Schweiß auf die Stirn, in wenigen Minuten meine Zukunft zu erfahren. Zum ersten Mal bin ich bei einer Wahrsagerin. Aus Neugier wird pure Furcht. Was, wenn sie sagt, daß mein nächster Geburtstag der letzte sein wird? Daß ich Fünflinge bekomme, meine Wohnung abbrennt oder die beste Freundin nach Australien auswandert?

Heller Teppich weiße Wände außer einer Adlerfeder an der Türklinke keine Spur von schwarzer Magie bei Gloria, einer kleinen, molligen Frau um die Sechzig. Am runden Tisch bittet sie mich, die Karten zu mischen. Genau solche, erzählt sie, habe auch Napoleons Frau Josephine gelegt. Und hätte er auf sie gehört, wäre er bestimmt der Sieger in Waterloo gewesen. Doch nun zu meinem Schicksal: Eine Schlacht hätte ich zwar nicht verloren, doch meinen Partner Volltreffer. Aber, so fährt Gloria fort, das sei mein Glück. Denn, und nun zeigt sie auf die Karte mit einem stolzen Ritter der wahre Traummann komme schon herangaloppiert. Bis es soweit sei, solle ich mich auf meinen Beruf konzentrieren ein neues Projekt stehe bevor. Dann legt sie die Karten zur Seite, schüttet bunte Bauklötzchen aus einer Tüte und fordert mich auf, damit meine Familienverhältnisse darzustellen. Sorgfältig ordne ich Stein um Stein. Ihr Kommentar: „Sie haben zu früh zuviel Verantwortung übernommen. Leben Sie Ihr inneres Kind mehr aus. Nehmen Sie an einem Clownseminar teil, oder gehen Sie mal auf einen Rummelplatz.“

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Gloria Heilmann von Bergen
Gloria Heilmann von Bergen
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